14
Apr
2007

MUSENBISSE

Ein herrlicher Tag! Ich habe frei, liege auf dem Balkon, die Sonne scheint, ein leichter Wind fächelt mir Luft zu ... ich habe es gut! Ein tiefer zufriedener Seufzer entfährt meiner Brust.
Und das, obwohl ich leide.

Ja, ich leide! Aus der Wohnung verbannt - eingehüllt in Decken bis zum Hals, nur die nackten Füße schauen heraus und die tropfende Nase! Um mich herum Pillen, Tees, Brausetabletten mit Vitamin C, gegen Kalziummangel, zum Schleimlösen und Taschentücher, Hustenbonbons, Halslutsch-pastillen, Nasensprays ... Ich leide! Ich habe keinen vulgären Schnupfen, nein - ich nicht! Ich kämpfe gegen einen akuten, massiven Rhinovirenbefall und ich leiiiiideeeeee! Voller Hingabe genieße ich diesen Zustand, koste ihn aus. Wann war ich schon mal so krank ...?

Taktlos reißt mich das Schellen der Wohnungsklingel aus unruhigem Schlummer. Ein Luftzug deutet mir, dass die Tür geöffnet wird. Leichtfüßig huscht jemand herein. Betont leises Flüstern auf dem Flur, gerade so, dass ich es hören kann, weckt meine Neugier. ”... das ist ja schrecklich ... gestern war sie noch quietschfidel und nun ... wie lange hat sie ... ich meine, sie wollte doch ...”. Ich konnte nicht jedes Wort verstehen und bevor ich mich in dem entgegengebrachten Mitgefühl aalen kann, erspüre ich einen ironischen Unterton in der Stimme meiner Freundin.
Schlange! Steckt mit meiner nesthockenden Tochter unter einer Decke! Mir fehlt die Kraft, mich zur Wehr zu setzen.

Schon gestern belauschte ich ein Telefonat zwischen meinen Töchtern. Sagte doch die Nesthockende zu ihrer großen Schwester “... Mama willst Du sprechen? ... warte mal ... wie es ihr geht? ... ach, sie leidet ... diesmal ist es besonders schlimm ... sie trägt Rot! ...”
Ja, ich trage Rot. Rot steht mir gut, wenn ich leide, es unterstreicht die kranke Blässe.

Mit lauten Trompetenstößen mache ich auf mich aufmerksam, betrübt, dass meinem Zustand nicht der gebührende Respekt entgegengebracht wird. “Du verseuchst die gesamte Wohnung ...” meine Tochter drängt mich zurück auf den Balkon und schiebt mir eine weitere Tasse widerlich süßen Kräutertees zu. Sie will mein Leiden schnellstmöglich beenden, aber ich werde ihr was husten ... Ich habe Ausdauer!
Ich ordere eine neue Turnierpackung Taschentücher, extra weich mit schützendem Ringelblumen-Balsamfilm ... alles was ich haben möchte, bringt sie mir - nicht sichtlich erfreut, aber ihrer Nesthockerpflicht gehorchend.

... und sie bringt mir darüber hinaus - ein Dampfbad!!!!
Hilfe, ich kriege so schon keine Luft. Noch bevor ich ein Wort sagen kann, habe ich ein riesiges Badelaken über dem Kopf und die Nase über heißem Kamillenwasser. Ich ergebe mich, versuche, die kleinen Kamillenblüten zu zählen, die in der Schüssel ertrinken. Im Nachbargarten verkündet eine Krähe lauthals meinen nahen Tod. Jemand setzt sich neben mich, wortlos.

Ich denke zurück, wie fing das eigentlich an ... Ich war kerngesund, die letzte Untersuchung ergab nur einen Kalzium-Mangel und ich habe mich doch umgehend daran gemacht, diesen auszugleichen. Plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen ... bis dahin hatte ich offensichtlich nicht einmal die Kraft, krank zu werden! Und nun, mit steigendem Kalziumspiegel ...! In Panik reiße ich mir das Handtuch vom Kopf, ringe nach Luft, lehne mich erschöpft zurück ... Was kommt wohl als nächstes? Langsam versinke ich in einen schwerelosen Dämmerzustand.

Gegen Abend habe ich mich mit meiner prämortalen Phase arrangiert und auch meine Tochter scheint die Dramatik endlich begriffen zu haben. Sie strahlt über das ganze Gesicht und baut sich mit einer Suppenschüssel in den Händen stolz vor mir auf. “Oh wie schön”, denke ich ... “ein Hühnersüppchen“. In ihrer rauen Schale steckt doch ein mitleidendes Herz! Ich quäle mich zum Sitzen, lächele mit letzter Kraft zurück, nehme den Deckel der Terrine hoch ... und lasse ihn augenblicklich scheppernd wieder fallen. Haferschleim! Haferschleim?
“Ich hab doch nichts am Magen!” zische ich. Ich lächele nicht mehr, ich springe auf, eile ins Bad.

Die abendliche Geschwisterverschwörung brachte es ans Licht ...
“... Ja, ich habe es so gemacht ... hat gewirkt ... hat bei uns doch auch immer geholfen ...“ Kichernd legt der Nesthocker den Telefonhörer auf und schiebt mir ... einen Teller Hühnersuppe zu ...

Nach dem Essen verlasse ich die Gruft, begebe mich schnurstracks an den PC. Ich spüre es ganz deutlich ... Die Muse hat mich gebissen. Sie hat ihren hässlichsten Mantel übergehängt und attackiert mich. Ihre Tarnung ist perfekt! Niemand vermutet sie hinter diesem löchrigen Fetzen, aus dem es unaufhörlich tropft.

Meine sonnenverbrannten Füße im kühlenden Nass, beginne ich zu schreiben ...
“... Die Sonne hält mir die Augen zu. Über meine Vermummung bei 25 Grad Außentemperatur verärgert, stürzt sie sich mit ganzer Kraft auf meine nackten Füße... Es schmerzt! Ich leide! Verbrennung dritten Grades!
Aus tränenden Augenwinkeln sehe ich zu, wie sie auch den Petunien das Gießwasser wegtrinkt, unfähig, etwas zu tun. Traurig lassen sie ihre hübschen roten Köpfchen hängen, rot wie meine sonnenverbrannten Füße, rot wie meinT-Shirt ... ja, rot steht mir gut, wenn ich leide. ...”


.......................................................................................

8
Apr
2007

SONNENUNTERGANG AM MITTELMEER

Das Gelächter des Nachmittags zieht sich sonnenverbrannt und hungrig in die strandnahen Hotels zurück. Einzeln, nicht in den tagsüber üblichen Touristenherden, trifft man zu dieser Stunde hier nur noch hoffnungslose Romantiker, nicht ansprechbare Träumer, weltfremde Verliebte und die ewig Gierigen, die alles Schöne in sich aufsaugen.
Sie werden belohnt.

RIMG0131-a

Vor den geduldig Wartenden erstreckt sich das Meer in ruhiger unendlich scheinender Weite. Bis zum Horizont reicht der Blick, bis dorthin, wo der Abend beginnt, wo er in dunklen Blautönen den Himmel für die Nacht bereitet. Selbst das unruhige kräftige Türkis des Tages verblasst im weißen Gold der untergehenden Sonne. Gleißend und fast den gesamten Himmel einnehmend wehrt sie sich, ihre Bühne zu verlassen.
Ein für heute glückloser Versuch, auf einer breiten, bis zum Ufer reichenden Straße Verzauberte mit sich zu ziehen, lässt sie die Strategie ändern.

RIMG0142-b

Rotglühend rollt sie nun einen schmalen goldenen Teppich über das Wasser, begleitet vom lockenden Gesang der Wellen, welche unablässig über das steinige Ufer lecken und fast geräuschlos hin und wieder mit unberechenbarem Schwall nach einem Unvorsichtigen greifen, der sich zu nahe am Bannkreis des sehnsüchtigen Gespanns aufhält.

Bitte stören sie die Aufführung nicht! -
könnte auf der Tafel stehen, unter der sich Zuschauer versammeln, um dem allabendlichen, immer gleichen Schauspiel zu folgen, an dessen Ende sich die Sonne schließlich allein ins Meer ergießt.

RIMG0149-c

Der Tag hält den Atem an. Und der Abend gleitet spurlos in die Nacht.
Und im letzten, Ruhe verströmenden Licht verstummen selbst die Vögel ehrfurchtsvoll, einer nach dem anderen.
Nur ein paar Frösche quaken respektlos im nahen Teich.
Wenig später werden sie von einem schlaflosen Mond erschlagen, der sich wütend auf sie herabstürzt.

Am frühen Morgen sieht man am Tatort einen kleinen Kahn.
Mit einem morschen Ruder stochert der alte Fischer im kleinen schilfumsäumten Weiher.


......................................................................................

23
Mrz
2007

MORGENGRAUEN

Lilo-Raymond-Unmade-Bed

Lilo Raymond, Unmade Bed



Es war früher Morgen als sie ihre Augen aufschlug. Mühsam kämpfte sich das Sonnenlicht durch die Nachtwolken, um dann an den staubigen Scheiben des kleinen Fensters zu verzweifeln. Das Dämmerlicht ist freundlich, dachte sie für einen Moment, es schluckt viel von der Wirklichkeit. Schließlich befand sie, daß dies die schönste Zeit des Tages sei.

Vorsichtig schiebt sie das Laken beiseite, das den Körper neben ihr knapp verhüllt. Und wie, um ihn nicht zu beschädigen, fährt sie mit nur einem Finger über den ihr zugewandten Rücken. Gedanken an Schiele drängen sich ihr auf.
Nein, schön ist er nicht, dieser Mann, mit dem sie so oft das viel zu schmale Bett teilte. Schön ist er nicht, aber seit Jahren vermittelt er ihr das Gefühl, dass sie es ist und das genießt sie.
Leise haucht sie ihm einen Kuss zwischen die Schulterblätter, die sich wie kleine Flügel aufgestellt haben, genau dorthin, wo Siegfried das Lindenblatt trug. Noch zögert sie aufzustehen, bereit, die Erinnerung an die letzten Stunden noch einmal aufzufrischen, doch die Entscheidung fällt mit dem ersten Sonnenstrahl, der sich zu ihr aufs Kopfkissen legt. Sie verlässt das Bett, bevor die Trostlosigkeit des kargen Zimmers es schafft, sich ihrer zu bemächtigen.

Aus dem Bad kommend, zieht sie aus der Innentasche ihres Mantels einen Umschlag und legt ihn langsam auf die Frisierkommode. Ihr nachdenklicher Blick streift dabei das Gesicht einer Frau, die ihr aus dem Spiegel ein falsches Lächeln schenkt. Dann geht sie ins Zimmer zurück, nimmt den Ring, der auf dem Nachtschrank liegt und öffnet das Fenster.
Tief geht es runter, sehr tief ...
Der Tag erwacht - lautstark, geschäftig und gleichgültig.

..........................................................................................
logo

Luna in flagranti

Willkommen

Du bist nicht angemeldet.

Mondzeit

Suche

 

MEINE BILDER

Bilder hochladen
www.flickr.com

Lunas Kalender

Juni 2026
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
 
 
 
 
 
 
 
 

in flagranti

cerita dewasa Situs projejakarta.com...
cerita dewasa Situs projejakarta.com memberikan perjalanan...
cerita dewasa (Gast) - 26. Jul, 09:11
detik sport Informasi...
detik sport Informasi Berita Seputar Dunia Olahraga...
detik sport (Gast) - 26. Jul, 04:06
cerita dewasa Situs wisatalendir.com...
cerita dewasa Situs wisatalendir.com memberikan perjalanan...
cerita dewasa (Gast) - 26. Jul, 04:05
solid gold - Berita dan...
solid gold - Berita dan Informasi Terbaru Bisnis, Finansial,...
solid gold (Gast) - 26. Jul, 04:02
liputan6 Membaca berita...
liputan6 Membaca berita sudah bisa dilakukan dengan...
liputan6 (Gast) - 26. Jul, 04:02
sport okezone Kunjungi...
sport okezone Kunjungi sports-okezone.com untuk berita...
sport okezone (Gast) - 26. Jul, 04:02
klasemen liga inggris...
klasemen liga inggris Kunjungi sports-kompas.com untuk...
klasemen liga inggris (Gast) - 26. Jul, 04:01
detiknews Membaca berita...
detiknews Membaca berita sudah bisa dilakukan dengan...
detiknews (Gast) - 26. Jul, 04:01

Meine Kommentare

lehrbriefe sind oft leer...
ich mache doch fernstudium ... immer noch .... pflegedienstleitung.. ..
abendGLUECK - 25. Mär, 11:47
na aber sicher lebt sie...
na aber sicher lebt sie noch, mußt dir mal den film...
Causerien - 25. Mär, 11:34
Dankeschön! ... und viel...
Dankeschön! ... und viel Spaß beim Schmökern. LG von...
Causerien - 25. Mär, 00:57
In temporärer Ermangelung...
In temporärer Ermangelung potentieller Probanden bleibe...
Causerien - 25. Mär, 00:56

Seit 20. April 2006 auf dem Mond

Besucher

Visitor locations

Status

Online seit 7369 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 26. Jul, 09:11

Credits

powered by Antville powered by Helma

sorua enabled
Creative Commons License

xml version of this page

twoday.net AGB

Tools für Webmaster

Für alles, was auf dem Mond liegen gelassen wurde, wird keine Haftung übernommen

Wichtiger Hinweis zu allen Links auf dieser Seite! Das Landgericht Hamburg hat in einem Urteil vom 12. Mai 1998 entschieden, daß durch die Anbringung eines Links die Inhalte der gelinkten Seite evtl. mit zu verantworten sind. Dies kann - so das Landgericht - nur dadurch verhindert werden, daß man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Ich habe auf einigen meiner Seiten Links zu anderen Seiten im Internet gelegt. Für alle diese Links gilt: Ich habe keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten. Deshalb distanziere ich mich hiermit ausdrücklich von allen Inhalten der gelinkten Seiten in diesem Blog und mache mir ihre Inhalte nicht zu Eigen. Diese Erklärung gilt für alle in meinem Blog ausgebrachten Links!!!

du
er
fremde Federn
GESCHICHTEN
Gute-Nacht-Geschichten
ich
ich und du
Lesung auf Usedom
offene Briefe
Plaudereien
sie
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren