13
Jun
2007

IM HINTERZIMMER DER KUNST

Es stimmt nicht, dass ich keiner Fliege etwas zu Leide tun kann. Gerade eben habe ich eine ermordet. Jetzt liegt sie neben mir, röchelt nicht mehr, streckt nicht mehr ihre gefährlichen Beine nach mir aus. Das Untier ist tot, es lässt seine Gedärme heraushängen. Es war ein Rachefeldzug. Sie hatte mich geweckt.
Ich liege gern diagonal im Bett, ich will nicht wissen, was Herr Freud darüber denkt, einladend ist diese Geste jedenfalls nicht, eher raumgreifend. In einer der Nachbarwohnungen stirbt gerade jemand an Raucherhusten. Ich rauche nicht mehr, ich schreibe. Den Raum, der mit Raucherhusten ausgefüllt war, fülle ich jetzt mit Gedanken und statt Bonbons für den guten Atem lagere ich jetzt Schokolade ein, statt Tabakkrümel liegen in der gesamten Wohnung Manuskripte. Drei Zentimeter hoch ist das gesammelte Werk (ich habe nachgemessen, es stimmt).
Heute Nacht habe ich von arabischen Schriftzeichen geträumt. In roter Kreide standen sie gut lesbar an einer Schultafel. Darunter stand ein deutscher Text. Den habe ich nicht behalten können. Vielleicht ist es gut so. Zurück blieb ein beängstigendes Gefühl.
Der Kampf David gegen Goliath geht weiter. Die Komplizenfliege attackiert mich. Ich stehe auf, noch eine Fliege will ich nicht auf dem Gewissen haben.

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7
Jun
2007

LETZTE NACHT

Letzte Nacht oder
Der Traum im Traum im Traum


Michel Bublé steht neben meinem Bett und irgend jemand pocht rhythmisch gegen die Wand hinter meinem Kopf. Ich bin im Halbschlaf, unfähig, auch nur einer Sequenz nachzuspüren. Ich träume, vernachlässige Geräusche, Wetter und Uhrzeit.

Sie liegt mit dem Rücken zu ihm. Mit den Fingerkuppen seiner gepflegten Hände zeichnet er vorsichtig Wirbel für Wirbel nach. Wie sie sich aneinander reihen, ineinander verzahnen, wie sie tanzen bei jeder Bewegung des grazilen Körpers, schlangenartig, katzenartig, elegant. Ein schmaler Grat, der eine nie gekannte Makellosigkeit teilt. Er stockt auf dem Weg zur Lende. Da ist etwas anders, ungewohnt. Spitzer als die anderen Wirbel erhebt sich dieser eine. Er zögert, hört ein Flüstern, kaum hörbar “Ich bin nicht sie” Er meint, eine sanfte Bewegung zu spüren. “Sie ist tot”, er sucht das Gesicht zu der Stimme und wieder sieht er vor sich das Bild einer jungen Frau, inmitten ihres Blutes, den Körper entsetzlich entstellt. Erschrocken fährt er auf, wie so oft nach diesen schweißgebadeten Nächten und stürzt unter die Dusche. Er kann es nicht ertragen dieses klebrige Gefühl, Schweiß, Blut, Sperma. Mit Akribie und teuren Duftölen schrubbt er sich dieses Gefühl von der Haut wieder und wieder.
Er kann nicht anders.


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6
Jun
2007

NUR EIN PAAR SEKUNDEN

..... Es sind immer nur ein paar Sekunden, in denen sie sich gänzlich fallen lässt, alles um sich herum vergisst. Vergisst, daß sie ein Mädchen ist, das nun ein Kopftuch tragen soll, vergisst, daß sie Brüder hat, die jeden ihrer Schritte überwachen und daß sie schon längst nicht mehr sich selbst gehört, eigentlich noch nie sich selbst gehörte ...

Ich sitze am Laptop, die vom Badewasser schrumpeligen Fingerkuppen huschen über die Tastatur, meißeln kräftig Gedankengänge in die weiße Bildschirmfläche. Der Knoten des Badehandtuchs hat sich gelockert, nun rutscht es langsam herunter und bildet eine Bauchbinde, auf dem Kopf thront ein Turban, der das kurze Haar trocknen soll. Aus dem frischen Weiß schält sich ein gebräunter Körper. Aber das interessiert momentan niemanden.
Ich drifte ab.
Arte verlagert das reale Leben ins Net ... Ein Kurzfilm der besonderen Klasse. Sehr beängstigend, erinnert mich an eine nicht allzu ferne Vergangenheit. Dissidenten halten sich nicht normgerechte Haustiere und Freunde. Das geht natürlich nicht ... und das ist auch kein guter Hintergrund für einen beschaulichen Nachmittag.
Ich wechsele den Platz.
Am Fenster stelle ich mir vor, dass es draußen schneit. Es schneit Manuskriptschnipsel aus zerrissenen Wolken. Während ich meine Geschichte zusammensetze, avanciert der in rotgepunkteter Pracht stehende Kirschbaum zum Ausflugsziel von Mensch und Hund. Sie haben den Film auf Arte nicht gesehen. Unbedarft, furchtlos, glücklich, nicht von kranken Phantasien geplagt, flanieren sie, halten Hundekonferenzen und Kirschsymposien ab.
Ich lasse mich treiben, schwimme auf meinen Gedanken davon ...

Es klingelt.
Augen strahlen, Augen mustern, Augen sind wunderbar tief, Augen ziehen mich an, Augen ziehen mich aus ... Es sind immer nur ein paar Sekunden, in denen man sich gänzlich fallen lassen kann.


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Meine Kommentare

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ich mache doch fernstudium ... immer noch .... pflegedienstleitung.. ..
abendGLUECK - 25. Mär, 11:47
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na aber sicher lebt sie noch, mußt dir mal den film...
Causerien - 25. Mär, 11:34
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