16
Apr
2008

WAS ZWISCHEN DEN ZEILEN STEHT

Meinen ersten Liebesbrief erhielt ich mit ca. vierzehn Jahren.

Wir waren in Ribnitz-Damgarten, Klassenfahrt. Und wir wollten das Leben kennen lernen. Das Rauchen, den Alkohol weniger, aber das andere Geschlecht auf jeden Fall. Es gab genügend Büsche am Ort, die unsere Experimentierfreudigkeit verbargen und eine wachsame Lehrerin, die oft genug ein Auge zudrückte. Damals glaubten wir, sie ausgetrickst zu haben. Jahre später lachten wir gemeinsam darüber.

Meinen ersten Liebesbrief erhielt ich einige Tage nach unserer Rückkehr nach Berlin.
Vom Sohn des Küsters. Das passte ganz und gar nicht. Ich bin atheistisch erzogen, eine damals allem gegenüber Ungläubige, in Glaubensfragen Intolerante. Und ich hatte den Briefschreiber kaum bemerkt. Unscheinbar erschien er mir. Ich konnte mich nicht an sein Gesicht erinnern, noch daran, was er sagte oder wie er mich ansah. Er schrieb nicht von Liebe oder Begierden, nicht von meinen körperlichen Vorzügen, pries nicht die Beweglichkeit meines Geistes oder die Farbe meiner Augen ...
Er schrieb von Büchern, die er gern liest, vom letzten Film im Kino, von Dingen, die ihn bewegen und ausmachen - als ein um Freundschaft buhlender, Gleichrangiger, nicht als Jäger und oder Ausleger klebriger Fallen, das gefügige Opfer einzuspeicheln und anschließend zu vernaschen. Damals fand ich das langweilig. Damals fand ich es geradezu nichtachtend, meine erblühende Weiblichkeit zu ignorieren. Und ich fand es mehr als gerecht, nicht darauf zu antworten, den Brief als Beweis dieser Schmach sofort zu vernichten.

Heute hätte ich meinen ersten Liebesbrief gern noch einmal gelesen.
Und besonders das, was ich damals nicht lesen konnte - das, was zwischen den Zeilen stand.


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13
Apr
2008

SEI GEGRÜßT,BOMA

Ich möchte dir einen Brief schreiben. Ich schreibe dir einen Brief. Und ich lasse ihn offen, weil ich denke, es betrifft Gedanken, über die man sich ruhig mal Gedanken machen kann ...
Also dann.

Guten Morgen, Gedankenkramer!

Gedankenverloren starre ich in meine riesige Kaffeetasse. Vom starken Kaffee blieb nur noch der Satz, den ich jetzt durch langsames Kreisen am Tassenrand entlang kriechen lasse. Ob ich es schaffe, den Rand zu benetzen, ohne dass von dem krümeligen Satz etwas auf den Boden fällt? Tiefes Durchatmen, man könnte sogar sagen Seufzen. Es wird Zeit, etwas zu tun, lese ich im Kaffeesatz, es wird Zeit, abzuwaschen.

Abwaschen ist nicht nur abwaschen. Abwaschen ist mehr. Ich pfeife Lili Marleen vor mich hin, der Ohrwurm kam wieder zurück und in Bruchstücken auch der Text ... ‘aus dem stillen Raume, aus der Erde Grund, hebt mich wie im Traume‘ ...

Meine Gedanken verheddern sich in deinem letzten Beitrag. Es geht ums Träumen, Erwachen, Wachen - Ich lese die ersten Zeilen ein ums andere Mal. Mit jedem weiteren erschließt sich mir dieses wunderbare Bild des Schlafenden unten am Waldboden mehr - halbdunkel, weiches Moos, nur einige gefilterte Tropfen der gierig um sich greifenden Realität erreichen ihn. Das Blattwerk ist gnädig, schützt den Träumer.
„Das Erwachen hob mich förmlich langsam empor wie einen Taucher aus der Düsternis der Tiefe, während mir der Schlaf die Schwere gegeben hatte, hinab zu sinken.“

Das Wasser wird kalt, während ich mir zu meinen Gedanken Notizen mache, um sie anschließend in Ruhe zu ordnen.
Ich schleudere ins nächste Level - Wirklichkeiten und deren Interpretation, Illusionen.
„Vielleicht ist die Wirklichkeit nur ein "Klar-Traum" unseres Gehirns, welchen wir mit den Lebewesen teilen, deren Gehirne dem unseren ähnlich sind.“ ...
Ich singe leise vor mich hin - ... ‚Unsere beiden Schatten sah'n wie einer aus, daß wir so lieb uns hatten‘ ... . Inzwischen bekomme ich sogar den Text wieder zusammen.
Und inzwischen gehe ich auch davon aus, dass unterschiedliche Wahrnehmung der Wirklichkeit und das Abstürzen aus den Träumen dafür verantwortlich zeichnen, dass Liebende sich trennen.
„Ich träume, mein Wach-Sein ist eine Illusion. Ich lebe in einer Illusion, die darum wirklich ist, weil ich sie mit vielen anderen teile.
Und das ist vollkommen in Ordnung für unser Leben, wie es in Ordnung für das Leben anderer Kreaturen ist, die aufgrund ihrer Andersartigkeit in anderen Wirklichkeiten/Illusionen leben. Leben ist, sich die Wirklichkeit erträumen. Leben ist Interpretationssache.„
Ja. Mehr ist dazu nicht zu sagen. Oder doch? Auf jeden Fall ist es ein schöner, interessanter Ansatz und würde vieles erklären.

... ‚Schon rief der Posten: Sie blasen Zapfenstreich,‘ ... Es ist kurz vor sieben (abends), ich habe den Tag nicht verschlafen, ich habe mehr daraus gemacht, habe mich in deinen Gedanken gesielt, in Illusionen verstrickt. Einiges werde ich mitnehmen in die Nacht. Es ist die letzte in diesem Ritt. Drei Tage Ruhe, drei Nächte am Laptop. Dann wieder von vorn. ... ‚deine Schritte kennt sie, deinen schönen Gang. alle Abend brennt sie, mich vergaß sie lang.‘ ...

Vergessen ... Habe ich mich dazu schon geäußert?
Vergessen ist wie eine OP am offenen Herzen. Glaube ich zumindest.

Darf man ein PS vor den Gruß setzen? Ich tue es einfach.

PS:
„Somit verschlafen wir unser ganzes Leben. Ist diese Vorstellung nicht köstlich? Der Tod würde dabei das Erwachen aus dem Leben bedeuten.“

Ja, das ist sie - köstlich, diese Vorstellung. Und in diesem Sinne schleiche ich mich jetzt davon. Mit den besten Grüßen.

Gute Nacht
Luna


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12
Apr
2008

GUTEN MORGEN, PÜPPCHEN

Leises Schnarchen begrüßt mich und eine Perücke über der Blumenvase. Sie war also doch wieder unterwegs ... Und jetzt schläft sie. HEUTE schläft sie noch. Und dabei hätte ich gerade heute viel Zeit für sie gehabt. Die Nacht war ruhig und es war auch nichts beunruhigendes mehr zu erwarten. Eine Weile ruht mein Blick auf den entspannten Gesichtszügen der Schlafenden. Schönheit liegt im Schlaf. Ungekünstelt, unverkrampft. Alles sträubt sich in mir, sie zu wecken. Ich gehe ins Wohnzimmer, sehe mich um, bestaune Trophäen eines fast abgeschlossenen Jahrhunderts. Afrikanischer Schmuck neben Buddhafiguren, wenige Bilder, geschmackvolle Sparsamkeit. Keine unechten Blumen, dafür ein ziemlich ramponierter beblätterter Gesprächspartner, der immer wieder seinen Platz wechseln muss ... Heute steht er auf dem Balkon - ob er das überlebt. Ich öffne die Balkontür, den blättrigen Freund rette ich ins Zimmer. Auf dem Weg ins Schlafzimmer verfängt sich mein Blick im Bücherregal. Marquez, Walser, Brecht, Klaus Mann, Kunstbände dichtgedrängt und Reiseberichte aus aller Welt.

Ich ziehe Vorhänge auf, mache Lampen an ... sie wird unruhig. Sanft streichele ich sie in den neuen Tag. Einer der schönsten Augenblicke, Entschädigung für alle Strapazen - sie schlägt die Augen auf und strahlt mich an. Guten Morgen, Püppchen. Sie hat keinen anderen Kosenamen, nicht Charlie, nicht Lottchen. Nur Püppi, Püppchen. So nannte der Vater sie. Sie hört es gern. Smalltalk auf dem Weg ins Bad. Wasserschlacht im Bad. Sie kann so herrlich genießen, prustet und lacht unter der Dusche. Ich singe. In der dritten Etage wurde mir ein Ohrwurm angehängt, nachdem er dort die ganze Nacht war. Ich gebe ihn weiter. Und zum ersten mal höre ich sie singen, Lili Marleen. Es stört mich nicht, dass ich klitschnass bin, sie schon - nun zieh dich schon aus, du bist doch schon ganz nass - und besorgt schiebt sie hinterher - hast du was zum Umziehen dabei. Grenzen verschwimmen, Familie, Freundin, Pflegerin. Manchmal bin ich alles.
Haben sie diese Bücher gelesen, frage ich. Den Marquez und den Walser? Meine nächste Frage wird von einem klaren Nein gestoppt. Nein? Und warum stehen die dort? Ich weise auf das Bücherregal. Sie lacht. Es ist dieses spitzbübische kleine Lachen ... Warum? warum nicht? Die sehen doch gut aus ... Ich denke an meine gesammelten Werke im Bücherschrank und fühle mich ertappt. Und was haben Sie dann gelesen? Thomas Mann, kam es wie aus der Pistole geschossen und ebenso schnell: Das dachte ich mir. - aus meinem Munde. Mir fällt meine Großmutter ein, Ähnlichkeiten mit dieser kleinen, zierlichen Dame. Wir sitzen auf dem Bettrand, baumeln mit den Beinen. Das Wasserglas in der einen, die Tabletten in der anderen Hand, hängt sie ihren Gedanken nach. Ich laufe hinterher. Und welches Buch von Thomas Mann ... Ich komme nicht weiter. Wie so oft ist sie meinen Gedanken auf der Spur. Ich glaubte schon, ‘Joseph’ auf ihren Lippen zu lesen ... Nein, es war ein Grinsen, das Katzengrinsen meiner Großmutter. Willst du ein Buch über mich schreiben? Sie sieht mir über die Schulter ins Gesicht, sucht das JA und findet eine heruntergefallene Kinnlade. Ich verschlucke mich an ihrem Lachen.

Vielleicht ...

Oder sollte ich ihr sagen, dass ich schon seit Tagen über sie schreibe?
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