G wie GESCHICHTEN

14
Mai
2008

Das Lied der Dämmerung

Noch ist Dienstag, ein klitzekleines Stück Mittwoch lässt sich bereits erahnen. Für mich ist Sonntag, für dich nicht. Der neue Tag lauert zwischen den Zeigern der Bahnhofsuhr, unerbittlich, schlaflos, bereit, sich in meine Lider zu krallen, um sie nach oben zu reißen, bis zum Anschlag, bis die Wimpern die Augenbrauen berühren, sobald sie sich anschicken, über erschöpfte Augen zu fallen. Verkehrte Welt. Vorsichtig schlängle ich mich in deine Arme. Leise, ganz leise.

Dämmerung. Ich fände es schön, im Nebel zu verschwinden, sagst du. Ganz nebenbei. Schwarz-weiß und klar liegt der Morgen über den Feldern, kein Nebel, kein Regen. Hinter Hannover kriecht die Sonne langsam aus fedrigen Wolken. Die meisten Farben schlafen noch, auch die Geräusche des Tages. Ein Vogel im glänzenden Hochzeitsstaat findet um halb sechs seine Stimme wieder. Laut und durchdringend schreit er sich ins Gehör seiner Angebeteten. Meinetwegen musst du das Fenster nicht schließen. In dein Erwachen gebettet, belausche ich den Monolog des Schwätzers im kahlen Gebüsch vor dem Haus. Deine Nacht ist vorbei. Für mich beginnt sie. Schlummer, süß und schwer.

Gib mir noch einen Kuss. Dreh dich noch einmal um. Und zieh die Tür einfach zu, wenn du gehst ...


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25
Apr
2008

DIE PARTITUR DER NACHT

(Erste Besetzung)

Rot versteckt der Mond sich hinter Wolkenfetzen. Zwischen den Schornsteinen duckt sich die Nacht. Schlaf regiert. Es ist halb drei. Auf den langen Fluren folge ich der Ruhe, die aus den Schlüssellöchern zu kriechen scheint. Kleine Seufzer, leises Schnarchen, hin und wieder ein kichernder Traum. Vielleicht noch ein vergessener Fernseher. Auf Tastendruck ein gewaltiger Wasserfall. Sonst nichts. Nur der Gesang der Stille, der durch geöffnete Fenstern in die Dunkelheit flieht.

Frische kühle Luft drängt an mir vorbei. Schnell hat sie den Atem des vergangenen Tages aufgesogen, pfeift durch Türritzen, klappert sich durch Ventiltoren, bläht raschelnd Gardinen auf. Hinter mir Schritte, vorsichtig, unsicher. Flüsternde Gespräche begleiten uns zurück ins Zimmer. Sachtes Schmatzen eines Gutenachtkusses. Noch etwas Musik? Klavier oder Streicher? Sie entscheidet sich für den tropfenden Wasserhahn und das Ticken ihrer Uhren. Vertraute Geräusche. Die Tür knarrt beim Schließen. Eine andere öffnet sich, kaum hörbar.

Bremsenquietschen zerreißt das friedliche Bild. Die Zeitung bringt einen neuen Tag - schwarz auf weiß. Ich vermisse heute das gleichmäßige Fauchen der Autobahn, das Schreien der Martinshörner weniger. Sie kommen nicht vor in der Partitur dieser Nacht.

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12
Apr
2008

GUTEN MORGEN, PÜPPCHEN

Leises Schnarchen begrüßt mich und eine Perücke über der Blumenvase. Sie war also doch wieder unterwegs ... Und jetzt schläft sie. HEUTE schläft sie noch. Und dabei hätte ich gerade heute viel Zeit für sie gehabt. Die Nacht war ruhig und es war auch nichts beunruhigendes mehr zu erwarten. Eine Weile ruht mein Blick auf den entspannten Gesichtszügen der Schlafenden. Schönheit liegt im Schlaf. Ungekünstelt, unverkrampft. Alles sträubt sich in mir, sie zu wecken. Ich gehe ins Wohnzimmer, sehe mich um, bestaune Trophäen eines fast abgeschlossenen Jahrhunderts. Afrikanischer Schmuck neben Buddhafiguren, wenige Bilder, geschmackvolle Sparsamkeit. Keine unechten Blumen, dafür ein ziemlich ramponierter beblätterter Gesprächspartner, der immer wieder seinen Platz wechseln muss ... Heute steht er auf dem Balkon - ob er das überlebt. Ich öffne die Balkontür, den blättrigen Freund rette ich ins Zimmer. Auf dem Weg ins Schlafzimmer verfängt sich mein Blick im Bücherregal. Marquez, Walser, Brecht, Klaus Mann, Kunstbände dichtgedrängt und Reiseberichte aus aller Welt.

Ich ziehe Vorhänge auf, mache Lampen an ... sie wird unruhig. Sanft streichele ich sie in den neuen Tag. Einer der schönsten Augenblicke, Entschädigung für alle Strapazen - sie schlägt die Augen auf und strahlt mich an. Guten Morgen, Püppchen. Sie hat keinen anderen Kosenamen, nicht Charlie, nicht Lottchen. Nur Püppi, Püppchen. So nannte der Vater sie. Sie hört es gern. Smalltalk auf dem Weg ins Bad. Wasserschlacht im Bad. Sie kann so herrlich genießen, prustet und lacht unter der Dusche. Ich singe. In der dritten Etage wurde mir ein Ohrwurm angehängt, nachdem er dort die ganze Nacht war. Ich gebe ihn weiter. Und zum ersten mal höre ich sie singen, Lili Marleen. Es stört mich nicht, dass ich klitschnass bin, sie schon - nun zieh dich schon aus, du bist doch schon ganz nass - und besorgt schiebt sie hinterher - hast du was zum Umziehen dabei. Grenzen verschwimmen, Familie, Freundin, Pflegerin. Manchmal bin ich alles.
Haben sie diese Bücher gelesen, frage ich. Den Marquez und den Walser? Meine nächste Frage wird von einem klaren Nein gestoppt. Nein? Und warum stehen die dort? Ich weise auf das Bücherregal. Sie lacht. Es ist dieses spitzbübische kleine Lachen ... Warum? warum nicht? Die sehen doch gut aus ... Ich denke an meine gesammelten Werke im Bücherschrank und fühle mich ertappt. Und was haben Sie dann gelesen? Thomas Mann, kam es wie aus der Pistole geschossen und ebenso schnell: Das dachte ich mir. - aus meinem Munde. Mir fällt meine Großmutter ein, Ähnlichkeiten mit dieser kleinen, zierlichen Dame. Wir sitzen auf dem Bettrand, baumeln mit den Beinen. Das Wasserglas in der einen, die Tabletten in der anderen Hand, hängt sie ihren Gedanken nach. Ich laufe hinterher. Und welches Buch von Thomas Mann ... Ich komme nicht weiter. Wie so oft ist sie meinen Gedanken auf der Spur. Ich glaubte schon, ‘Joseph’ auf ihren Lippen zu lesen ... Nein, es war ein Grinsen, das Katzengrinsen meiner Großmutter. Willst du ein Buch über mich schreiben? Sie sieht mir über die Schulter ins Gesicht, sucht das JA und findet eine heruntergefallene Kinnlade. Ich verschlucke mich an ihrem Lachen.

Vielleicht ...

Oder sollte ich ihr sagen, dass ich schon seit Tagen über sie schreibe?

10
Apr
2008

SEELENWANDERUNG

Als ich die Schicht übernahm, wurde es bereits dunkel. Kampf der Laternen gegen den schwindenden Tag. Patt im Dämmerlicht. Du sagtest, wenn wir schlafen, verlassen unsere Seelen den Körper. Ganz nebenbei sagtest du das, so als ob ich das schon längst wüsste, als ob jeder das wüsste. Ich wusste es nicht. Aber ich hatte oft einen Verdacht, dem ich nie folgte - zu schnell stürzte ich ins Wachsein.
Die Tür fiel ins Schloss hinter dir. Ohne Fragen, keine Antworten. Ruhigen Dienst ...

Patrouille auf nächtlichen Fluren. Alles schläft, keine Menschenseele. Ich begegne ihr in der dritten Etage. Sie schlendert von Tür zu Tür, liest die Namensschilder, schüttelt hin und wieder den Kopf. Ich beobachte sie eine Weile, gebe mich zu erkennen. Bist du schon lange hier, fragt sie. Ja, ich habe auf Sie gewartet. Wir gehen langsam zum Fahrstuhl. Warum hast du nicht wieder geheiratet? Du bist doch noch jung. Ich hole tief Luft und bevor ich antworten kann, lacht sie schon wieder ... Verstehen ohne Worte. Seelenverwandtschaft?
Ich bringe sie zu Bett, zum zweiten mal in dieser Nacht. Schlaf schön mein Engel und träume süß ...

Die Nacht trollt sich, macht dem Tageslicht und der nächsten Schicht Platz. Ruhig war es heute. Nicht viel, was ich in den Feierabend mitnehmen muss - eine leere Thermosflasche, eine leere Brotdose ... Der Morgen ist kühl, aber mir wohl gesonnen. Kein Nebel, kein Kratzen an der Windschutzscheibe, eine Umleitung wird ignoriert - ich kenne sie, sie kommt jeden Donnerstag hier vorbei. Nur noch ein kurzes Stück durch den Frühling und ich bin zu Hause. M. ist schon auf dem Sprung, kurz vor dem Urlaub. Blumengießstrategien, Schlüsselübergabe. M. hat Sehnsucht nach der Sonne und der Wärme am Mittelmeer. Mir reicht fürs erste die Wärme meines Bettes.

Keine Sperenzchen, Katzenwäsche, Decke über die Nase. Manchmal kann ich es fühlen, das Einschlafen. Sanftes Fallen, ganz leicht werde ich ... mehr als sechzig Kilo, die nicht zu mir gehören. Wie war das doch gleich mit den Seelen, wenn wir schlafen?
Ich versuchte mir vorzustellen, wo sie wohl hingehen. Treffen sie sich alle irgendwo, oder geht jede woandershin? Schlüpfen sie in einen anderen Körper oder hocken sie in den Bäumen? Wohin geht meine? Geht sie oder fliegt sie? Wie ist das, wenn ich nicht schlafen kann? Weiß die Seele dann nicht wohin? Und wenn ich nach kurzer Zeit wieder aufwache, ist sie dann nur bis ins Nachbarhaus gekommen?

Manchmal verschlafe ich auch ...


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22
Mrz
2008

UND WENN SIE LACHT, IST SIE IMMER NOCH SCHÖN

Erzähl mir was. Ich hör dir doch so gern zu. Die alte Dame berührt vorsichtig meinen Kopf, während ich ihr die Verbände anlege. Schöne Haare hast du ...
Ich drücke ihr ein Glas Wasser in die Hand. Die letzte Nacht steckt mir in den Knochen, ich sehne mich nach meinem Bett und ich kann so schnell kein geeignetes Thema finden. Es ist Kar-Freitag. Und es ist bald Feierabend. Nur noch knapp zwei Stunden. Mühsam kämpft sich der Morgen durch die Wolkendecke. Dicke Schneeflocken tanzen um Laternen, die ihr spärliches Licht in die schwindende Dunkelheit schicken. Ostern fällt in diesem Jahr schon sehr früh. Ich denke an Goethe, an sein berühmtes Frühlingsgedicht und daran, dass er mit dreiundsiebzig Jahren noch eine neunzehnjährige Geliebte hatte. Wussten Sie das? Meine Gedanken verfangen sich wieder in Einkaufslisten und Terminplänen. Das ist doch nichts besonderes, höre ich sie sagen. Verblüfft schaue ich hoch. Und wenn es anders herum wäre? Ich überlege, ob es wohl Zufall ist, dass sie den gleichen Vornamen trägt, wie Frau von Stein. Und noch bevor ich den Gedanken aussprechen kann, empören sich mehr als neunzig gelebte Jahre: Neee! Das wäre mir zu anstrengend! Ich lache unwillkürlich. Sie können schnell denken, sagt sie verschwörerisch, als ich schon in der Tür stand. ... Und Sie können wohl Gedanken lesen, verabschiede ich mich. Ihr Lachen begleitet mich noch eine ganze Weile, und das Strahlen in ihren Augen. Wenn sie lacht, ist sie immer noch schön.


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8
Apr
2007

SONNENUNTERGANG AM MITTELMEER

Das Gelächter des Nachmittags zieht sich sonnenverbrannt und hungrig in die strandnahen Hotels zurück. Einzeln, nicht in den tagsüber üblichen Touristenherden, trifft man zu dieser Stunde hier nur noch hoffnungslose Romantiker, nicht ansprechbare Träumer, weltfremde Verliebte und die ewig Gierigen, die alles Schöne in sich aufsaugen.
Sie werden belohnt.

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Vor den geduldig Wartenden erstreckt sich das Meer in ruhiger unendlich scheinender Weite. Bis zum Horizont reicht der Blick, bis dorthin, wo der Abend beginnt, wo er in dunklen Blautönen den Himmel für die Nacht bereitet. Selbst das unruhige kräftige Türkis des Tages verblasst im weißen Gold der untergehenden Sonne. Gleißend und fast den gesamten Himmel einnehmend wehrt sie sich, ihre Bühne zu verlassen.
Ein für heute glückloser Versuch, auf einer breiten, bis zum Ufer reichenden Straße Verzauberte mit sich zu ziehen, lässt sie die Strategie ändern.

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Rotglühend rollt sie nun einen schmalen goldenen Teppich über das Wasser, begleitet vom lockenden Gesang der Wellen, welche unablässig über das steinige Ufer lecken und fast geräuschlos hin und wieder mit unberechenbarem Schwall nach einem Unvorsichtigen greifen, der sich zu nahe am Bannkreis des sehnsüchtigen Gespanns aufhält.

Bitte stören sie die Aufführung nicht! -
könnte auf der Tafel stehen, unter der sich Zuschauer versammeln, um dem allabendlichen, immer gleichen Schauspiel zu folgen, an dessen Ende sich die Sonne schließlich allein ins Meer ergießt.

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Der Tag hält den Atem an. Und der Abend gleitet spurlos in die Nacht.
Und im letzten, Ruhe verströmenden Licht verstummen selbst die Vögel ehrfurchtsvoll, einer nach dem anderen.
Nur ein paar Frösche quaken respektlos im nahen Teich.
Wenig später werden sie von einem schlaflosen Mond erschlagen, der sich wütend auf sie herabstürzt.

Am frühen Morgen sieht man am Tatort einen kleinen Kahn.
Mit einem morschen Ruder stochert der alte Fischer im kleinen schilfumsäumten Weiher.


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23
Apr
2006

Frauen mit kleinen Handtaschen

Frau-mit-Handtasche

Gegen 10 Uhr ist die S-Bahn nicht mehr ganz so voll, bereits nach 2 Stationen hatte ich sogar einen Fensterplatz erstanden. Glücklich setzte ich mich schnell, nahm meine große Tasche auf den Schoß und einige überfällige Korrekturfahnen, als beim nächsten Halt der nette Herr zu meiner Rechten einer heftig ins Handy gestikulierenden Dame seinen Platz überließ.

Wohlgekleidet und gut frisiert bezog sie mich, kaum dass sie saß, in ihre derzeitigen Probleme ein. Zwei Stationen später war ich im Bilde.
Sie war sehr frustriert. Wegen abundanter erektiler Dysfunktion sähe sie ihre frugalen Bedürfnisse nicht mehr ausreichend befriedigt und wenn Karl-Heinz nicht bald etwas dagegen unternähme, sei sie wohl oder übel gezwungen, ihre Konkupiszenz anderswo auszuleben und eine Disconnection der Beziehung wäre somit auf Dauer auch nicht mehr auszuschließen, immerhin ... Die letzten Worte gingen im geräuschvollen Bremsen der Bahn unter.

Während sie sich erhob, bedankte ich mich höflich für das nette Gespräch. Nicht ohne Neid sah ich ihr nach, wie sie tänzelnd das Abteil verließ, mit ihrem kleinen Täschchen unter dem Arm. Dann zog ich aus meiner Tasche mein zerfleddertes Fremdwörterbuch hervor, ohne das ich mich kaum mehr aus dem Haus getraue. - Ich bewundere Frauen mit kleinen Handtaschen, sie wirken so gebildet.
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