B wie ICH

17
Jul
2008

Mittwochmorgen

(Das Elend tut so, als wäre es der Alltag. *CU)

Es ist kurz vor elf. Der Frühstückskaffee - fast weiß und kalt, auf dem Tisch vor mir ein abgegessener Teller, Krümel auf dem Schoß, Kippen im Aschenbecher. Ich sehe dem Rauch meiner Zigarette hinterher, der sich kräuselnd durch das offene Fenster zum Nachbarn stiehlt. Ich spinne mir die kommende Woche zusammen, das was kommen könnte, das, worauf ich gefasst sein sollte. Träume.

Es regnet leise, Janove Ottesen singt dazu von Francis’ einsamen Nächten. Es passt. Noch besser passte Patty Smith’ ‘helpless‘. Dieser Sommer tut so, als ob er es schon lange wusste, dass er traurig werden wird. Wie traurig, wusste er damals wohl noch nicht.

Wir sitzen in dieser kleinen alten Kneipe. Nur wir zwei und ein gelangweilter Barkeeper hinter dem Tresen.

Wer fängt an?
Womit?
Wir spielen jetzt.
Wie? Spielen?
Du sagst einen Satz, dann ich. Immer im Wechsel. Immer nur einen Satz.
Einen Satz du, einen Satz ich.
Ok.
Das ist kein Satz.
Darf ich auch Fragen stellen?
Ok.
Ok ist kein Satz.

Zehn knallrote Pünktchen zeichnen sich ab vor dem Grün der Pflanzen in meinem Garten, dem Grün der Hecken und Büsche, dem Grün der Bäume. Das letzte Rot im Kirschbaum verschwindet in den Schnäbeln großer schwarzer Vögel. Es ist kalt.

Würdest du für mich deine Jacke ausziehen oder mich sicher ans trockene Ufer tragen?
Ja.
Ja? - Ja! Ich weiß. Schon lange.
Ich habe es dir nie gesagt.
Darf ich auch einen Satz schweigen?
Du schweigst zu laut.
Ich habe einen Link zu deinem Herzen.
Und warum hast du dich dann nicht gemeldet, als ich dich brauchte?
Ich hatte Angst.
Angst?
Angst, dich so zu sehen.

Der Regen tröpfelt nicht mehr, in geraden Linien stürzt er jetzt auf den nassen Boden.
Ich denke zurück. Wische Staub von alten Bildern.

Hast du noch Bilder in dir? Von mir? Von uns? Irgendwelche Bilder?

Vielleicht sollten wir das Unwiederbringliche, das, was wir nicht leben konnten, nicht halten konnten, lieber hassen oder zumindest nicht anrühren. Vielleicht würde das vieles leichter machen. Viel leichter, als in verstaubten Bildern zu wühlen und alten Träumen hinterher zu jagen.

Das Elend tut immer so, als wäre es der Alltag. Heute.
Und morgen?

16
Mai
2008

Wer bin ich?

Regen webt einen Schleier aus feinen Fäden und legt ihn über die Rotbuche. Über den Kirschbaum. Über den benachbarten Garten. Über die dahinter liegenden Felder. Taucht den Morgen in milchige Farben. Nur eine gelbe Rosenknospe vor meinem Fenster hebt sich ab, zeigt mir ihre Lust, sich mit dem nächsten Sonnenstrahl zu messen. Der Rotdorn sieht neidisch zu. Er wurde im letzten Jahr zu sehr gestutzt. Am geöffneten Fenster folge ich träumend der Regenmelodie, die zweite Stimme übernimmt ein gefiederter Solist. Mein Kaffee wird kalt ...

Langes, aufdringliches Klingeln an der Haustür lässt mich aus meinen Träumen stürzen. Draußen posiert mit einem Vertreterkoffer ein geschniegelter unsympathischer Herr. "Wer sind Sie denn jetzt", empfängt er mich, kaum, dass ich ihm geöffnet habe. "Ich weiß nicht" entgegne ich fast ehrlich, "bei wem haben Sie denn geklingelt?" Ich werde ungeduldig und schließe die Tür vor soviel Verkaufsungeschick. Im Hintergrund kichert meine Nachbarin. Nasshaarig und im Bademantel hat sie belustigt das Haustürgespräch belauscht. Ich berichte ihr noch schnell das Neueste aus ihrer Nachbarwohnung und ich meine in ihren Augen gesehen zu haben, dass sie hin und wieder auch glaubt, dass ich nicht weiß, wer ich bin. Wir beenden lachend die Session. Die Türen schließen sich hinter uns.

Sanft entledigt der Regen sich seiner feuchten Schleier, vorsichtig, um dem jungen Frühling nicht zu schaden, der in meinem Garten schlummert zwischen all dem frischen Grün und Weiß und Gelb und Rot ... Satie passt gut dazu denke ich, lehne mich weit aus dem Fenster und suche den Anschluß an meine Träume.
Und immer wieder schleicht sich eine Frage dazwischen – Wer bin ich?


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30
Apr
2008

ES HAT SICH DOCH GELOHNT ...

Kurz nach sieben lässt mich die Sonne nicht mehr schlafen. Eigentlich lässt sie mich schon, aber ... Ich quäle mich aus dem Bett, quäle mich in die Küche, quäle mich ins Bad. Qualvoll. Unausgeschlafen. Übernächtigt. Nichts Neues. Während die Kaffeemaschine geräuschvoll das Gebräu bräut und der Toaster mich gemahnt, nach dem Toast zu sehen, komme ich unter der Dusche zu mir. Kaffeearoma vertreibt den letzten Zipfel der Nacht. Langsam finde ich an dem Morgen gefallen und beim Frühstück in Modezeitschriften blätternd sogar ein passendes Outfit für die Hochzeit meiner Freundin. Ich träume ...

Es klingelt. An der Haustür. An der Wohnungstür. Es ist tatsächlich für mich. Es ist Satie.
Genau der richtige für diesen Moment, obwohl ich eigentlich etwas anderes im Auge hatte.
Ausdrucksstark und doch beruhigend ist er. So beruhigend, dass mich die Knibbelei nicht besonders stört, seine Gefährtin auszupacken, die sich, in Folie verschweißt, sträubt, mir ihr Inneres zu zeigen. Ich hätte vom Frühstückstisch aufstehen und ihr mit brachialer Scherengewalt zu Leibe rücken können. Ich knibbele weiter. Satie kam nackt. Und das war gut so. So konnte er sofort mit seinem Konzert beginnen. Wunderbare 71 Minuten Klaviermusik.

Mit Patti ist das anders. Nicht, weil sie sich bedeckt hielt. Nein, oder vielleicht gerade deshalb. Blieb doch so der Geruch ihres bedruckten Kleides noch unverfälscht, frisch. Ich liebe diesen Duft. Ja für mich ist es Duft. Und ich gerate in Verzückung. Jedes mal. Kannst du das verstehen? Wenn Augen- und Nasensinn eine Liaison eingehen und sich in Genuss verwandeln. Hochgenuss, wenn dann auch der Hörsinn zu seinem Recht kommt. Kaum zu beschreiben. Hast du sie neulich gesehen? Im Fernsehen? Auf Arte? ‘Deine Worte, dein Leben mit meinem Blut nachgezeichnet’ ... Sagte das nicht Rimbaud? Egal, es spiegelt das Empfinden wieder, dass mich beschleicht beim Hören der Musik und Lyriks von Patti.

Holy, holy, holy ... Es hat sich also doch gelohnt, heute so früh aufzustehen!


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16
Apr
2008

WAS ZWISCHEN DEN ZEILEN STEHT

Meinen ersten Liebesbrief erhielt ich mit ca. vierzehn Jahren.

Wir waren in Ribnitz-Damgarten, Klassenfahrt. Und wir wollten das Leben kennen lernen. Das Rauchen, den Alkohol weniger, aber das andere Geschlecht auf jeden Fall. Es gab genügend Büsche am Ort, die unsere Experimentierfreudigkeit verbargen und eine wachsame Lehrerin, die oft genug ein Auge zudrückte. Damals glaubten wir, sie ausgetrickst zu haben. Jahre später lachten wir gemeinsam darüber.

Meinen ersten Liebesbrief erhielt ich einige Tage nach unserer Rückkehr nach Berlin.
Vom Sohn des Küsters. Das passte ganz und gar nicht. Ich bin atheistisch erzogen, eine damals allem gegenüber Ungläubige, in Glaubensfragen Intolerante. Und ich hatte den Briefschreiber kaum bemerkt. Unscheinbar erschien er mir. Ich konnte mich nicht an sein Gesicht erinnern, noch daran, was er sagte oder wie er mich ansah. Er schrieb nicht von Liebe oder Begierden, nicht von meinen körperlichen Vorzügen, pries nicht die Beweglichkeit meines Geistes oder die Farbe meiner Augen ...
Er schrieb von Büchern, die er gern liest, vom letzten Film im Kino, von Dingen, die ihn bewegen und ausmachen - als ein um Freundschaft buhlender, Gleichrangiger, nicht als Jäger und oder Ausleger klebriger Fallen, das gefügige Opfer einzuspeicheln und anschließend zu vernaschen. Damals fand ich das langweilig. Damals fand ich es geradezu nichtachtend, meine erblühende Weiblichkeit zu ignorieren. Und ich fand es mehr als gerecht, nicht darauf zu antworten, den Brief als Beweis dieser Schmach sofort zu vernichten.

Heute hätte ich meinen ersten Liebesbrief gern noch einmal gelesen.
Und besonders das, was ich damals nicht lesen konnte - das, was zwischen den Zeilen stand.


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8
Apr
2008

VON KRANICHEN, KATZEN UND ERSTEN SONNENSTRAHLEN

Vier Kraniche sind einer zuviel.
Oder drei zuwenig.
Verstehst du?

Das Frühjahr präsentiert sich stolz im offenen Wintermantel. Spitzes Grün. Rundliches Gelb. Lautes, gefiedertes Schwarz. Gelangweilt taste ich den Himmel ab. Weiße Tupfen auf Blau trägt man heute und etwas Gold im Knopfloch. Auf der Terrasse gibt es späte Märzsonne, sonst nichts, nur Bilder in Endlosschleife hinter dem alten Zaun - telefonierende Spaziergänger mit und ohne Hund, fachsimpelnde Kinderwagenschieber, Walkeholicer. Kahle Büsche bieten keine gute Deckung, man sieht mich und schüttelt den Mützenkopf. Ist das nicht noch etwas früh für so wenig an? Mir ist warm. Das Gemurmel bleibt stehen, entfernt sich dann langsam.

Versinken im Nichtstun als Priorität. Gedanken baumeln gegenstandslos im Wind, balancieren auf Sonnenstrahlen, nicht greifbar. Einige haben sich in der Wäscheleine verfangen, andere tanzen vor meinen Augen. Bunte Luftblasen. Ich könnte mir Blätter an die Bäume träumen. Könnte ich. - Wenn ich sie nicht verschenkt hätte im letzten Winter. Ohne Mitgefühl lasse ich mein Spiegelbild ertrinken, zwischen zwei Wimpernschlägen, in der Kaffeetasse.
Als mir gestern Abend diese Katze über den Weg lief, glaubte ich, dass sie mir Glück bringt. Brachte sie aber nicht. Unglück blieb aus. Wenigstens das.

Hinter der Sonnenbrille reihen sich Augenblicke aneinander. Abgehackt. Ohne Zusammenhang. Sekunden, Minuten, Stunden. Wie viele waren es? Wie lange ist es her? Wie lange bis es wieder kommt? Und - kommt es wieder?
Stell mir jetzt bloß keine Fragen. M. verschwindet hustend hinter einer Rauchwolke, die sie gerade inhalieren wollte, als dieses Fragezeichen über ihre Lippen stolperte. Sie verschluckt ES, eines nach dem anderen. Aber, könntest du mir mal sagen, wie lange ein Augenblick dauert. Auch darauf gibt es keine Antwort.

Inzwischen fällt hinter dem nackten Kirschbaum die Sonne todmüde in den Kurpark. Plötzlich ist es kühl und die strahlenden Farben tauchen in ihr abendliches Versteck hinab. Irgendetwas fehlt. Die Blätter? Nein, ich glaube, es ist etwas anderes oder etwas mehr. Ich warte auf die Muse. Vor einiger Zeit verschwand sie, sprachlos, und sie hat sich nicht ein einziges mal gemeldet. Buchstaben hängen sich seitdem plump aneinander, mühsam schleppen sie sich und suchen Halt in dürren Worten. Um das Trampolin der Gefühle nehmen sie lieber noch einen großen Umweg. Dieses verrückte Auf und Ab macht ihnen Angst.

Manche Türen hätte man besser nie geöffnet, lese ich in der Zeitschrift, die aufgeschlagen neben mir liegt. M. geht und ich bringe den ersten Sonnentag in Sicherheit. Wenn ich mir jetzt etwas wünschen sollte, ich wüsste nicht was.

Wenig später finde ich mich auf dem Weg in eine kalte, sternenklare Nacht wieder.

Mir fallen drei Kraniche ein.


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16
Feb
2008

BERLIN BERLIN

Berlin liegt vier Tage hinter mir

6.2.
irre Autofahrer auf der A2, Stau vor Berlin, noch mehr irre Autofahrer in Berlin, ca. zwanzig Kilo Übergewicht in Karow, 17.30 Uhr weiche Ananas-Torteletts mit Sahne, Kaffee oder Früchtetee - das konnte man sich aussuchen, abends exzellente Kartoffelsuppe, 1 Flasche Rotwein, 2 Flaschen Weißwein, noch 2 Flaschen Rotwein, Bier gab es nur für den Herrn der Hausherrin, dazu Diskussionen, Familienbilder am PC, unangenehme Wahrheiten, Depressionen und eine gute Stunde Schlaf, das kann ja was werden ...

7.2.
verspäteter Start in den Tag mit Kopfschmerzen und einer falschen Ansage, Fahruntüchtigkeit ist gleich Gefahrtüchtigkeit, vorausschauendes Fahren erhält angesichts herumstehender Blitzer eine neue Bedeutung, in zwanzig Minuten kann man die Welt nicht umstrukturieren, aber man kann eine neue Idee zeugen, abends italienisch hausgemacht und verführerisch, die Flaschen Rotwein wurden nicht mehr gezählt, es gab genügend Gründe, einer davon eine geplante Hochzeit, ich freue mich und falle todmüde und glücklich ins Bett, träum schön

8.2.
Karten verraten um 8.00 Uhr, was ich längst nicht wahrhaben will, ich werde rot, ertappt, ungläubig, Tage später soll höhnisches Grinsen zur Grimasse werden - was ich hinter mir glaubte, lag noch vor mir, Sandkuchen, Kaffee und Ernährungsberatung in Karow, in Potsdam - Koffer abstellen, Hunger, nasse Haare, überfüllte Lokale und erstauntes Chinesisch for two, ungezählte Worte geben Ruhe, übersteigen die Anzahl der Buchstaben, durch den Raum flatternde Gedanken, eine harte Woche fällt hörbar zu Boden, erschöpfte Hände können keinen halben Liter halten, Zeitlos trifft Müdigkeit in den Augen, ist es kalt draußen? Herr Lehmann ist nicht jedermanns Ding, schade, muss aber auch nicht, gute Nacht

9.2.
schönes Wetter, Potsdam outside, Einkauf für die nächste Woche, Robenanprobe, Essen, das nicht dick macht, Maske, ab in die Oper, Mangel an Garderobieren vor der Aufführung, Neuinszenierung mit Mangel an Sektständen in der Pause, Wesentliches hatte Vorrang und gefiel, Blaulicht begleitete Inkognito, in Potsdam noch fünfzig Seiten lang im Schatten des Windes, Kultur geballt, Nachtmensch schläft nicht, Nachtmensch schreibt bis drei Uhr und wird vom Schlaf überfallen

10.2.
Frühstück, gepackte Koffer, Schnupfen als Souvenir, wann sehen wir uns wieder? leere Autobahnen, keine Irren, Kaffeetrinken in Bad Nenndorf, 20.45 Uhr Nachtschicht, willkommen im Alltag! Gabs was? Nee ... Dann ist ja gut ...


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13
Feb
2008

FRÜHJAHRSPUTZ

Ich sichte Manuskripte. Trümmer und Fragmente aus vergangenen Wochen und Monaten werden sortiert und vom Schreibtisch geräumt, Zeilen auf Zeitungsrändern eingesammelt, in diversen Kladden nach Bruchstücken der letzten Zeit gefahndet. Schlagzeilen, Momentauf-nahmen, Gedankenblitze, Schnipsel - Berge, die darauf warten, in Gedichten und Geschichten ein neues Bestätigungsfeld zu finden.

Sozialkaufhaus - was kostet dort wohl ein Kilo Liebe, oder würden dir 750 Gramm Gefühl vielleicht auch reichen? Egal. Eheurkunden kommen unterm Strich teurer. Tahoma 14, linden.nord@, Mehrpersonenkörper mit Freivögelschein. Ich weiß nicht mehr, wer mit einunddreißig Jahren schon siebenhundert Bilder gemalt hat. Weißt du es noch? War es Paula Modersohn-Becker? Elie Wiesel hat seine Gedanken zur Gegenteiligkeit unter ganz anderen Aspekten geschrieben, als ich sie vor langer Zeit im U-Bahnhof Alexanderplatz las. Das erschreckt mich. Auch, dass ich nicht die einzige darin bin. Warum ich Wasser kochen, frischen Ingwer hineinreiben und den Sud dann trinken sollte ... ?
Keine Ahnung.

Stapel von Papier fallen dem Zerreißwolf zum Opfer. Im Abfall finden sich später defizitäre Gefühle neben genormten wieder. Gedanken gehen durch die Mühle, im Kopf sortiert jemand Buchstaben, Worte, Zeilen. Ich schaue aus dem Fenster. Struppiges Gefieder hockt seit Minuten drüben auf dem alten Zaun, es plustert sich auf, hält mich von meinem Tun ab. Es klingelt. Vor der Tür steht Betreten und in der Tür Unwillig. Es ist eine dieser ganz kurzen Begegnungen. Als sich die Tür schließt, tut es mir schon wieder leid. Ist das Ok.?

Wenig später frage ich mich, wie linke Schuhe auf die Standspur der A2 kommen, 100 km vor Berlin? Und, wen könnte das, außer mir natürlich, interessieren? Ich bin nicht PK, ich bin ICH. Versalien auf einem Zettel. Ich stelle fest, Ähnlichkeiten sind eher unzufällig. Wann hatte ich das nur vergessen können? Woanders steht, dass ich Rüdiger Dahlkes “Krankheit als Weg” lesen sollte. Ich habe zu diesem Themen keinen Bezug mehr und schmeiße die Notiz weg. “Vorurteile”, Autor? - habe ich mir dann doch auf die Bücherliste gesetzt. Eine Musikliste gibt es auch.

Ja, ich bin gern hier, sagt sie ihrem Gegenüber ...
diese Zeile könnte der Anfang einer neuen Geschichte sein.

3
Jan
2008

ICH MORDE NUR FÜR DICHTER

(fünfzehnter und sechzehnter Dezember
und ein bisschen vom siebzehnten,
zweitausendsieben)

Kurz nach drei Uhr.
Sonnabend Nachmittag.
Ich habe einen Weihnachtsmann erschlagen.
Auf dem Weg nach Berlin.
Ich hatte gute Gründe.
Dennoch.
Das Problem hätte anders gelöst werden können.
Eleganter vielleicht, etwas stilvoller.
Es war Mord.
Skrupelloser Mord.
Er war kleiner als ich,
wesentlich kleiner und wehrlos.
Und er war aus Schokolade.
Den geschändeten Körper,
mit einer Nachricht versehen,
versenkte ich im Briefkasten.
Es war ein perfekter Mord.
Und er hat sich gelohnt.
Der Dichter hat angebissen.

Weihnachtsmannmord-2

Etwa acht Uhr.
Sonntag Abend.
Kurzes Klingeln neben einem Schild, das den Namen des Dichters trägt. Er erwartet mich, im Türrahmen stehend.
Eine schöne Geste. Ich spüre seit Stunden etwas, was ich für Hunger halte. Wir gehen. Nicht weit.
Scheinheiliges Essen. Darf ich rauchen, fragt der Dichter. Klar doch, ich esse ja nicht, ich stochere ja nur herum. Ein großes und ein kleines Bier, eine urige Kneipe, ein paar Gäste. Laute Musik.
Unsere Worte versuchen, sich anzufassen, um sich nicht zu verlieren zwischen wirbelnden Gedanken, gegen die ein gelangweilter DJ heute keine Chance hat anzukämpfen.
Noch ein Bier? Nö. Wollen wir geh’n?
Die Damentoilette heißt hier Damenklo. Darunter ein Piktogramm, für alle die das nicht mehr lesen können. Wir können noch lesen. Und ich will jetzt den Dichter lesen hören. Zahlen, bitte!

Etwas später
und einen kurzen Fußweg lang danach.
In dem kleinen Raum, der trotz nächtlicher Stunde sonnendurchflutet scheint, ist genügend Platz für zwei Stimmen, eine Gitarre, drei Laptops, unkompliziertes Umgehen, ein Fotoalbum, gedruckte Worte, Musik, eine Flasche Rotwein.
Prince taucht alles in purpurnen Regen und Erinnerungen, die es jetzt nicht geben sollte. Laurie sucht nach Worten, die sie neben die von Ursula legen könnte. Ich bedaure, dass ich Lou nicht mitgenommen habe. Er hätte auch gut zu den Momenten gepasst, die sich den Anschein geben, als knüpften sie an gestern an oder an vorhin oder an gerade eben - also an Momente, die nach
Distanzeliminierung schreien. Wir bilden aus Buchstaben Stufen, über die wir aufwärts streben.

Ist es wirklich schon halb zwei? Oder noch später?
Wir können den Tag nicht verstecken, der sich müde in unseren Augen ausbreitet. Wir können die Zeit nicht knebeln, sie legt sich bleiern auf die Lider. Wir brechen ab. Wir sehen uns wieder.
Ohne Mord. Wir haben ja Telefon.

1
Jan
2008

MEINE KARTENLEGERIN HAT GESAGT

"... und du kümmerst dich jetzt erst einmal nur um dich. Du machst jetzt nur das, was dir gut tut!" Das sagte sie mir in den letzten Tagen vor Weihnachten. Kann mir mal einer sagen, wie das gehen soll. Sie konnte es nicht. Ich im Schichtdienst, die einfallende Familie am Horizont und die Bude auch so ständig besetzt...

Ich bemühte mich, meiner Zukunft gerecht zu werden. Und ich fing sofort damit an. Schließlich war ich endlich mal wieder in Berlin ... Das allein tat mir schon gut. Besuchte dort meine langjährige Freundin, das tat mir auch gut. Ihre Anwesenheit, ihr Gewusele, ihre Fürsorglichkeit ... dieses Gemüt breitete sie über uns und wir fühlten uns alle wohl. Dann beschlossen wir, die Besinnlichkeit der häuslichen Adventsfeier im Trubel der nächtlichen Großstadt ausklingen zu lassen. Es sollte getanzt werden was das Zeug hielt. Männer sollten uns zu Füßen liegen. Reihenweise. Es sollte die Kulturbrauerei sein. Ich war noch nicht lange genug Landei, um nicht zu wissen, was mich dort erwarten wird und sah belustigt dem nun folgenden Styling zu. Ich tat, was mir gut tat, ich blieb so wie ich hier am späten Nachmittag ankam. Es tat mir auch gut, mit dieser verrückten Truppe die Kulturbrauerei zu stürmen ... In der man zu dieser Zeit sogar die gegenüberliegenden Wände erkennen konnte. Vielleicht tat es insgesamt gesehen auch noch gut, die Theke genau am anderen Ende des Raumes zu wissen.

Von dem, was dann kam, konnte ich nicht mehr unbefangen sagen, dass es mir gut tat. Es tat mir sicher nicht gut, schon kurz nach dem Einnehmen der Plätze eine der Stürmerinnen nach Hause zu bringen. War es der Adventskaffee ... oder der unglückliche Cola-Whisky-Mix während des stundenlangen Stylings? Ich nahm den Rest des von meiner Freundin auf dem Damenklo wiederbelebte Wesens in Empfang und tat das, was ich immer tat. Ich spielte Samariter. Es tat mir nicht gut, erst jetzt nach Entfernung und Schwierigkeitsgrad des Heimweges zu fragen ... das Wesen war nur bedingt auskunftsfähig ...

Es tat mir auch nicht gut, nach zwei Stunden von der inzwischen in Gang gekommenen Party nur noch ungestalte Ärsche vor der Nase zu haben. Ob es mir so gesehen gut tun sollte, das Etablissement schon kurz nach meiner Rückkehr wieder zu verlassen ... Man lauerte nur auf mein Eintreffen, um den Heimweg antreten zu können. Kulturbrauerei war wohl doch nicht zielgruppengerecht ... Das Warten vor der einzig noch offenen Wurstbude und anschließend auf dem zugigen U-Bahnhof tat auch den anderen nicht gut. Das beruhigte mich.

Im folgenden hielt ich mich strikt an die Empfehlungen der Karten - ich zog mir einen schwelenden Infekt zu - nicht so einer, der offen bekundet ‘Ich bin’s, dein Husten, dein Schnupfen, dein Knochen- und Allgemeinleiden!’. Nein, er nistete sich im Schlafzentrum ein und legte mich lahm. Ich schleppte mich und ihn durch die Nächte, verschlief die Tage und kümmerte mich somit wirklich nur noch um mich.

Übrigens. Die Kartenlegerin hatte sich kurzfristig aus dem Geschehen ausgeklinkt. Sie blieb zu Hause ... Hm.

13
Jun
2007

IM HINTERZIMMER DER KUNST

Es stimmt nicht, dass ich keiner Fliege etwas zu Leide tun kann. Gerade eben habe ich eine ermordet. Jetzt liegt sie neben mir, röchelt nicht mehr, streckt nicht mehr ihre gefährlichen Beine nach mir aus. Das Untier ist tot, es lässt seine Gedärme heraushängen. Es war ein Rachefeldzug. Sie hatte mich geweckt.
Ich liege gern diagonal im Bett, ich will nicht wissen, was Herr Freud darüber denkt, einladend ist diese Geste jedenfalls nicht, eher raumgreifend. In einer der Nachbarwohnungen stirbt gerade jemand an Raucherhusten. Ich rauche nicht mehr, ich schreibe. Den Raum, der mit Raucherhusten ausgefüllt war, fülle ich jetzt mit Gedanken und statt Bonbons für den guten Atem lagere ich jetzt Schokolade ein, statt Tabakkrümel liegen in der gesamten Wohnung Manuskripte. Drei Zentimeter hoch ist das gesammelte Werk (ich habe nachgemessen, es stimmt).
Heute Nacht habe ich von arabischen Schriftzeichen geträumt. In roter Kreide standen sie gut lesbar an einer Schultafel. Darunter stand ein deutscher Text. Den habe ich nicht behalten können. Vielleicht ist es gut so. Zurück blieb ein beängstigendes Gefühl.
Der Kampf David gegen Goliath geht weiter. Die Komplizenfliege attackiert mich. Ich stehe auf, noch eine Fliege will ich nicht auf dem Gewissen haben.

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Wer bin ich? Dein Text lässt mich nachdenken...
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lyrik undercover - 19. Mai, 15:09

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