12
Apr
2008

GUTEN MORGEN, PÜPPCHEN

Leises Schnarchen begrüßt mich und eine Perücke über der Blumenvase. Sie war also doch wieder unterwegs ... Und jetzt schläft sie. HEUTE schläft sie noch. Und dabei hätte ich gerade heute viel Zeit für sie gehabt. Die Nacht war ruhig und es war auch nichts beunruhigendes mehr zu erwarten. Eine Weile ruht mein Blick auf den entspannten Gesichtszügen der Schlafenden. Schönheit liegt im Schlaf. Ungekünstelt, unverkrampft. Alles sträubt sich in mir, sie zu wecken. Ich gehe ins Wohnzimmer, sehe mich um, bestaune Trophäen eines fast abgeschlossenen Jahrhunderts. Afrikanischer Schmuck neben Buddhafiguren, wenige Bilder, geschmackvolle Sparsamkeit. Keine unechten Blumen, dafür ein ziemlich ramponierter beblätterter Gesprächspartner, der immer wieder seinen Platz wechseln muss ... Heute steht er auf dem Balkon - ob er das überlebt. Ich öffne die Balkontür, den blättrigen Freund rette ich ins Zimmer. Auf dem Weg ins Schlafzimmer verfängt sich mein Blick im Bücherregal. Marquez, Walser, Brecht, Klaus Mann, Kunstbände dichtgedrängt und Reiseberichte aus aller Welt.

Ich ziehe Vorhänge auf, mache Lampen an ... sie wird unruhig. Sanft streichele ich sie in den neuen Tag. Einer der schönsten Augenblicke, Entschädigung für alle Strapazen - sie schlägt die Augen auf und strahlt mich an. Guten Morgen, Püppchen. Sie hat keinen anderen Kosenamen, nicht Charlie, nicht Lottchen. Nur Püppi, Püppchen. So nannte der Vater sie. Sie hört es gern. Smalltalk auf dem Weg ins Bad. Wasserschlacht im Bad. Sie kann so herrlich genießen, prustet und lacht unter der Dusche. Ich singe. In der dritten Etage wurde mir ein Ohrwurm angehängt, nachdem er dort die ganze Nacht war. Ich gebe ihn weiter. Und zum ersten mal höre ich sie singen, Lili Marleen. Es stört mich nicht, dass ich klitschnass bin, sie schon - nun zieh dich schon aus, du bist doch schon ganz nass - und besorgt schiebt sie hinterher - hast du was zum Umziehen dabei. Grenzen verschwimmen, Familie, Freundin, Pflegerin. Manchmal bin ich alles.
Haben sie diese Bücher gelesen, frage ich. Den Marquez und den Walser? Meine nächste Frage wird von einem klaren Nein gestoppt. Nein? Und warum stehen die dort? Ich weise auf das Bücherregal. Sie lacht. Es ist dieses spitzbübische kleine Lachen ... Warum? warum nicht? Die sehen doch gut aus ... Ich denke an meine gesammelten Werke im Bücherschrank und fühle mich ertappt. Und was haben Sie dann gelesen? Thomas Mann, kam es wie aus der Pistole geschossen und ebenso schnell: Das dachte ich mir. - aus meinem Munde. Mir fällt meine Großmutter ein, Ähnlichkeiten mit dieser kleinen, zierlichen Dame. Wir sitzen auf dem Bettrand, baumeln mit den Beinen. Das Wasserglas in der einen, die Tabletten in der anderen Hand, hängt sie ihren Gedanken nach. Ich laufe hinterher. Und welches Buch von Thomas Mann ... Ich komme nicht weiter. Wie so oft ist sie meinen Gedanken auf der Spur. Ich glaubte schon, ‘Joseph’ auf ihren Lippen zu lesen ... Nein, es war ein Grinsen, das Katzengrinsen meiner Großmutter. Willst du ein Buch über mich schreiben? Sie sieht mir über die Schulter ins Gesicht, sucht das JA und findet eine heruntergefallene Kinnlade. Ich verschlucke mich an ihrem Lachen.

Vielleicht ...

Oder sollte ich ihr sagen, dass ich schon seit Tagen über sie schreibe?
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